Von der Nische in den Weltcup
Alle paar Jahre verändert eine neue Laufradgrösse die Velowelt. 2012 war es der Umstieg von 26” auf 29”, der die Mountainbike-Industrie spaltete. Kritiker sprachen von «Wagenrädern» und mangelnder Wendigkeit. Heute ist 29” der unangefochtene Standard bei fast allen MTB-Gattungen.
2025 begann die nächste Runde. Auf der Eurobike zeigte Maxxis die ersten tubeless-fähigen 32”-Reifen. BMC stellte einen 32”-Prototyp vor. Und im November 2025 gab die UCI grünes Licht: 32-Zoll-Laufräder sind ab 2026 im XC-Weltcup zugelassen – mit der Einschränkung, dass vorne und hinten dieselbe Grösse gefahren werden muss (kein Mullet-Setup). Erste Trainingsfahrten im Weltcup fanden bereits statt.
Aber was steckt hinter den Zahlen? Und was bedeutet der Trend für Schweizer Velofahrer:innen, die nicht im Weltcup fahren?

Die Physik: Warum grösser tatsächlich anders rollt
Die Vorteile grösserer Laufräder sind keine Marketing-Behauptung – sie sind physikalisch messbar. Das Prinzip: Ein grösseres Rad trifft Hindernisse in einem flacheren Winkel, was bedeutet, dass weniger Energie verloren geht, wenn das Rad über Wurzeln, Steine oder Unebenheiten rollt.
Felge und Reifen: Die harten Zahlen
- Felgendurchmesser: 686 mm (32”) vs. 622 mm (29”) – ein Plus von 64 mm
- Reifenumfang: ca. 2’560 mm vs. ca. 2’340 mm – jede Umdrehung legt 220 mm mehr zurück
- Aufstandsfläche: ca. 10% grösser bei identischer Reifenbreite
- Gewicht Maxxis Aspen: 812 g (32” × 2.4) vs. 756 g (29” × 2.4) – nur 56 g Unterschied beim Reifen
- Systemgewicht (Felge + Reifen + Speichen + Dichtmilch): ca. 250 g schwerer pro Rad
Labordaten: Was die Wissenschaft sagt
Erste Tests und Messungen deuten auf messbare Effizienzvorteile hin – vor allem auf rauem Untergrund. Noch ist die Datenlage jung, aber die Richtung ist klar: Grössere Räder können bei Rollwiderstand, Überrollverhalten und Vibrationen Vorteile bringen.
Rollwiderstand
- Glatter Asphalt, 30 km/h: 5,5 Watt weniger Rollwiderstand (–15%)
- Gravel Kategorie 1, 32 km/h: 9 Watt weniger Rollwiderstand
- Gravel Kategorie 2 (rau), 30 km/h: 9,5 Watt weniger Rollwiderstand
- Kopfsteinpflaster, 30 km/h: ca. 6 Watt weniger Rollwiderstand
Effizienz bergauf
Im Labor-Klettertest absolvierte das 32”-Bike denselben Anstieg in identischer Zeit – aber mit 7% weniger Leistung. Das bedeutet: Das Mehrgewicht der Räder wird durch den geringeren Rollwiderstand mehr als kompensiert – zumindest auf unebenem Untergrund.
Vibrationen
Grössere Räder glätten Unebenheiten besser, weil jede Unebenheit einen kleineren Anteil des Gesamtumfangs ausmacht. Das Ergebnis: Weniger Vibrationen am Lenker und Sattel, was auf langen Strecken weniger Ermüdung bedeutet. Ein Vorteil, der in keinem Labortest auftaucht, aber auf einer 4-Stunden-Tour spürbar ist.
Die andere Seite: Wo 32”-Räder verlieren
Grösser ist nicht automatisch besser. Es gibt klare Szenarien, in denen 29” überlegen bleibt:
Wendigkeit und Handling
Grössere Räder haben einen grösseren Wenderadius. In engen, verwinkelten Singletrails mit schnellen Richtungswechseln fühlt sich ein 32”-Bike träger an. Wer spielerisches, verspieltes Fahren liebt – Manuals, Bunny Hops, enge Kurven – wird das sofort merken.
Antritt und Beschleunigung
Schwerere Räder brauchen mehr Energie, um in Schwung zu kommen. Die 250 g Mehrgewicht pro Rad spürst du bei jedem Antritt aus dem Stand, an jeder Ampel, bei jedem Sprint. Auf Konstanz ausgelegtes Fahren (Langstrecke, Marathons) profitiert – Stop-and-Go-Situationen nicht.
Körpergrösse und Geometrie
Grössere Räder erfordern grössere Rahmen. Für Fahrer:innen unter 170 cm wird es geometrisch eng: Der Standover-Abstand schrumpft, das Tretlager wandert nach oben, der Schwerpunkt verschiebt sich. Die meisten 32”-Bikes gibt es aktuell nur in M und L – nicht in S oder XS.
Komponentenverfügbarkeit
Reifen: Maxxis treibt 32” aktuell am sichtbarsten voran. Neben dem Aspen wurden weitere 32”-Modelle wie Aspen ST, Aspen AT, Forekaster und Dissector angekündigt bzw. eingeführt. Trotzdem bleibt die Auswahl im Vergleich zu 29” noch sehr klein, und Verfügbarkeit sowie Ersatzteilversorgung sind 2026 weiterhin ein Thema.
Die Bikes: Wer baut schon auf 32”?
Stoll P32 – Das Schweizer Racefully
Stoll Bikes aus der Schweiz bringt das P32 als Carbon-XC-Fully mit 100 oder 120 mm Federweg. Die Serienangabe des Herstellers nennt 1’880 g Rahmengewicht; frühe Medienberichte nannten teils 1’750 g. Komplettbikes starten laut Herstellerangaben bei rund 10,2 kg in sehr leichten Konfigurationen.
Vier Ausstattungsvarianten:
- P32 Daily: CHF 9’500
- P32 Performance: CHF 11’000
- P32 Lightweight: CHF 13’000
- P32 European: CHF 14’000
- Rahmenset: CHF 5’000
Verfügbarkeit: Rahmengrösse M seit April, Grösse L ab Juni 2026.
Sour Pasta Party 32 – Das Stahl-Hardtail
Sour Bicycles aus Sachsen (Deutschland) fertigt das Pasta Party 32 als Stahl-Hardtail in Handarbeit. Konzipiert für XC und Bikepacking, verfügbar als Rahmenset oder Komplettbike. Bewusst gegen den Carbon-Trend positioniert: langlebig, reparierbar, mit Charakter.
DirtySixer MTB & Gravel
Der US-Pionier baut seit Jahren 32”- und 36”-Bikes – ursprünglich für Fahrer:innen ab 190 cm, bei denen 29”-Bikes proportional zu klein sind. Mit dem 32”-Trend bekommt DirtySixer plötzlich Mainstream-Aufmerksamkeit.
BMC (Prototyp)
Der Schweizer Hersteller BMC zeigte auf der Eurobike 2025 ein XC-Fully mit 32”-Rädern. Noch kein Serienmodell, aber ein klares Signal: Auch die grossen Marken beobachten den Trend nicht nur – sie entwickeln aktiv.Auf der Cyclingworld 2026 waren bereits über 10 verschiedene 32”-Bikes zu sehen – von kleinen Custom-Schmieden bis zu etablierten Herstellern. Die Branche setzt eindeutig auf diese Entwicklung.
UCI-Zulassung: Was sie bedeutet
Im November 2025 wurde klar: 32-Zoll-Laufräder werden im UCI-Mountainbike-Rennsport ab 2026 nicht verboten. Die genaue Auslegung bei Mischgrössen bleibt je nach Disziplin und Reglementsauslegung ein Detail, das Hersteller und Teams eng beobachten. Sicher ist: Die Freigabe nimmt der Industrie eine wichtige Hürde und beschleunigt die Entwicklung von Rahmen, Gabeln, Reifen und Laufrädern.und Laufrädern.
Für wen sind 32”-Bikes sinnvoll – und für wen nicht?
32” macht Sinn für:
- XC-Racer:innen, die jeden Watt-Vorteil suchen
- Marathon- und Langstreckenfahrer:innen (weniger Vibrationen, höhere Effizienz)
- Fahrer:innen ab 180 cm Körpergrösse (bessere Proportionen)
- Gravel-Fahrer:innen auf rauen Pisten (maximaler Rollwiderstandsvorteil)
- Early Adopters und Technik-Enthusiasten
29” bleibt besser für:
- Trail- und Enduro-Fahren mit engen Kurven und verspieltem Charakter
- Fahrer:innen unter 175 cm (Geometrie-Einschränkungen)
- Budgetbewusste Käufer:innen (riesige Auswahl, günstigere Ersatzteile)
- Alltagsfahrer:innen, die keine Renn-Performance brauchen
- Alle, die maximale Komponenten-Auswahl schätzen
Was heisst das für den Gebrauchtmarkt?
Für velomarkt.ch-Nutzer:innen zwei Perspektiven:
Wer jetzt kauft: 29”-Bikes sind und bleiben eine exzellente Wahl. Die Auswahl ist riesig, Ersatzteile sind überall verfügbar, und der Wertverlust ist kalkulierbar. Ein 32”-Bike wird den Wert deines 29ers nicht über Nacht zerstören – so wie 29” den 26”-Markt nicht über Nacht zerstört hat.
Wer verkauft: Wenn du ein 32”-Bike anbietest, hast du einen Vorteil: Die Nachfrage wächst, das Angebot ist minimal. Gebrauchte 32”-Bikes sind rar – und Käufer:innen, die den Trend testen wollen, zahlen aktuell Premiumpreise.
💡 Prognose
Experten rechnen damit, dass 32” ab 2027/28 bei XC-Bikes zum neuen Standard wird – ähnlich wie 29” ab 2014/15 den 26”-Standard ablöste. Bei Trail- und Enduro-Bikes dürfte es länger dauern. Für velomarkt.ch heisst das: In 2–3 Jahren werden die ersten gebrauchten 32”-Bikes auf der Plattform erscheinen – und dann wird es spannend.
⚠️ Vorsicht vor FOMO
Ein neues Rad macht dich nicht automatisch schneller. Das beste Bike ist das, das zu deinem Fahrstil, deiner Körpergrösse und deinem Budget passt – nicht das mit der neusten Laufradgrösse. Bevor du CHF 10’000+ für ein 32”-Bike ausgibst, überleg dir: Würden CHF 200 für einen guten Service an deinem aktuellen Bike nicht mehr bringen?
| ➤ Dein nächstes Velo findest du auf velomarkt.ch – ob 26”, 29” oder bald 32” |
Die Laufradgrösse ändert sich. Was bleibt: Die Freude am Fahren.
Dein velomarkt.ch-Team